Kinder in der Schule in Bewegung
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Bewegtes Lernen, bewegtes Arbeiten: Warum der Körper das Gehirn mitdenkt

„In welcher Position lernt ihr am liebsten?“, diese Frage stellte Prof. Dr. Christian Andrä von der Fachhochschule für Sport und Management Potsdam (Forschungsgruppe „Bewegte Schule“) in seinem Vortrag beim Umweltzeichen-Workshop für zertifizierte Schulen, Berater:innen und Prüfer:innen.

„In welcher Position lernt ihr am liebsten?“, diese Frage stellte Prof. Dr. Christian Andrä von der Fachhochschule für Sport und Management Potsdam (Forschungsgruppe „Bewegte Schule“) in seinem Vortrag beim Umweltzeichen-Workshop für zertifizierte Schulen, Berater:innen und Prüfer:innen. Die Antworten sind typisch für unseren Alltag: Viele bevorzugen Sitzen, aber ein erstaunlich großer Anteil nennt auch Gehen, Liegen oder „sonstige“ Positionen. In einer Befragung aus dem Hochschulkontext lag „sitzend“ bei 43 %, „gehend“ bei 31 %. Auch bei Schüler:innen tauchen Gehen und Liegen neben Sitzen häufig auf.

Das ist mehr als eine nette Einstiegsfrage: Sie macht sichtbar, dass Lernen und Denken nie „nur Kopfsache“ sind. Ein Grundgedanke der Bewegungs- und Bildungstheorie besagt, dass Bewegung „Erfahrungsorgan und Gestaltungsinstrument“ ist. Über Bewegung wird die Welt erlebt, erfahren, erkannt und darüber hinaus geformt und gestaltet. Wer Lernsettings ausschließlich auf stilles Sitzen reduziert, schränkt damit nicht nur den Körper ein, sondern auch Zugänge zu Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Motivation und sozialer Interaktion. Für Schulen bedeutet das: „Bewegung“ ist nicht nur Aufgabe des Sportunterrichts, sondern Teil einer lernförderlichen Schulkultur. Bildungsakteur:innen sollten sich Gedanken über ein bewegtes Schulleben, bewegte Pausen und vor allem auch über bewegtes Lernen machen.

Ein kurze Internetrecherche zeigt, dass auch für Unternehmen Bewegung ein Thema ist. Dort heißen die Lernorte Besprechungsräume, Schreibtische, Werkhallen oder Homeoffice.

Was sagt die Evidenz? Bewegung unterstützt Kognition

Im Vortrag fasst Prof. Dr. Andrä den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und kognitiver Leistungsfähigkeit über mehrere Übersichtsarbeiten zusammen: Studien berichten signifikant positive Beziehungen zwischen Aktivität und Kognition bei Kindern sowie Hinweise auf verbesserte Lern- und Schulleistungen.

Besonders anschaulich fand ich einen Befund aus der Gestenforschung: Vokabeln, die mit Gesten gelernt werden, bleiben länger im Gedächtnis. Die Effekte waren nicht nur kurzfristig, sie zeigten sich noch Wochen bis Monate nach dem Training bei Volksschulkindern, Jugendlichen und Studierenden. Es wurden überdies positive Zusammenhänge zwischen feinmotorischen Fähigkeiten und mathematischen Leistungen erkannt.

Warum das plausibel ist, erklärt Prof. Dr. Andrä über biologische und psychologische Mechanismen: Bewegung beeinflusst u. a. Neurotransmitter (Noradrenalin, Serotonin, Dopamin), unterstützt die Ausschüttung neurotropher Faktoren (wirkt wie Antidepressiva), hat Effekte auf das Stress- und Immunsystem und fördert Neuroplastizität (lebenslange Fähigkeit des Gehirns sich nutzungsabhängig zu verändern).

Kurz zusammengefasst: Bewegung sorgt für eine bessere Durchblutung und Versorgung des Gehirns und damit ist es lernbereiter.

Von der „Bewegten Schule“ zum bewegten Alltag

Mehr Bewegung entsteht nicht durch ein einzelnes Projekt, sondern durch viele kleine Stellschrauben im System. Dazu gehören sowohl Verhaltensprävention (z. B. bewegte Routinen, aktive Pausen) als auch Verhältnisprävention (z. B. Raumgestaltung, geeignetes Mobiliar).

Beispiele für bewegtes Lernen

· Positionswechsel statt Sitzpflicht

Schon kleine Veränderungen wirken: Stehphasen, Arbeiten am Boden, kurze Wegeaufgaben, Stationenlernen. Ergonomisch ist das sinnvoll, weil langes Sitzen muskulär belastet und die Durchblutung mindert. Ein Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Bewegen wird ausdrücklich empfohlen.

· Lernen mit Gesten- und Körpermodellen

Begriffe, Prozesse oder Beziehungen (z. B. Grammatik, Kreisläufe, mathematische Muster, Rollen in einem System) werden mit Bewegungen, Standbildern oder kleinen Choreografien verknüpft. Das passt zur multisensorischen Lerntheorie: Je mehr Sinne eingebunden sind, desto höher die Chance auf Verstehen und langfristiges Behalten.

· Bewegte Mikro-Formate

„Bewegungshäppchen“ von 60–180 Sekunden: kurze Aktivierungen, Mini-Laufwege (z. B. „Laufdiktat“), Impulsfragen im Gehen, „Flitzerunden“ oder wechselnde Lernstationen. Solche Formate senken die Schwelle, weil sie keine Sportstunde ersetzen müssen, sondern Unterrichtszeit lernförderlich strukturieren.

· Natur und frische Luft als Lernraum

Inhalte draußen erarbeiten z. B. mit Material aus der Umgebung, Beobachtungsaufträgen oder kooperativen Aufgaben, im Wald und auf Freiflächen. Für Schulen mit Umweltzeichen-Anspruch ist das besonders anschlussfähig: Draußenlernen verbindet Gesundheitsförderung, Konzentration und Naturbezug und lässt sich oft mit Themen wie Biodiversität, Boden, Wasser oder weiteren Klimathemen kombinieren.

Bewegung soll anregen, nicht überfordern. Ein sinnvoller Wechsel von Anspannung und Entspannung, alters- und gruppengerechte Intensität sowie klare Regeln (Sicherheitsaspekte, Unfallprophylaxe) sind Teil des Qualitätsverständnisses.

Transfer in Unternehmen: Bewegung als Produktivitäts- und Gesundheitsfaktor

Ergänzend zu den Erläuterungen von Prof. Dr. Andrä können wir festhalten: was im Klassenzimmer relevant ist, gilt im Büro oft noch stärker, da Wissensarbeit über Stunden im Sitzen erledigt wird. Bewegtes Arbeiten ist deshalb kein „Wellbeing-Gimmick“, sondern ein Managementthema – ergonomisch, physiologisch und lernpsychologisch. Neben klassischen Angeboten wie z.B. Sitzbälle oder Stehtische bieten sich auch innovativere Formate an.

Praktische Ansätze, die sich im Arbeitsalltag bewähren:

  • Walking Meetings für 1:1-Gespräche oder kreative Abstimmungen (Ideen entstehen oft leichter in Bewegung).
  • Stand-up-Check-ins (10 Minuten im Stehen, klare Agenda, schneller Fokus).
  • Embodied Learning in Trainings: Fachbegriffe, Prozessschritte oder Leitlinien über Gesten, Rollenspiele, räumliche Visualisierungen („Stellt Systematiken mit eurem Körper dar!“) – das erhöht Beteiligung und Erinnerungsleistung.
  • Verhältnisprävention im Büro: Zonen für kurze Bewegung, flexible Arbeitsplätze, Einladung zu Treppen statt Lift, bewusst platzierte Drucker/Teeküchen, die Mikro-Wege erzeugen.
  • Routinen statt Einzelaktionen: z. B. jede Stunde 2 Minuten Mobilisation, nach 45–60 Minuten Konzentrationsarbeit ein kurzer Wechsel der Körperposition.

Loslegen mit dem 2-Wochen-Pilot

Ein niederschwelliger Einstieg für Schulen und Betriebe ist ein 2-Wochen-Pilot mit zwei bewegten Mikro-Formaten pro Tag (je 2–4 Minuten) sowie zusätzlich ein bewusst gestalteter Positionswechsel in einer Kernsequenz (Unterrichtseinheit/Meeting). Danach kurz evaluieren und reflektieren: Wie haben sich Konzentration, Stimmung, Beteiligung und gefühlte Belastung verändert?

Zum Weiterlesen und Umsetzen

Schule

· Youtube-Channel von Prof. Dr. Christian Andrä mit vielen Beispielen: https://www.youtube.com/@Bewegte-Schule

· Bewegte Schule: https://www.bewegteschule.at/praxis/bewegtes-lernen

· Besser lernen mit Bewegung: https://www.tk.de/techniker/gesundheit-foerdern/familie/kinder-und-jugendliche/kindheit-und-jugendzeit/besser-lernen-mit-bewegung-2009494

· Bewegtes Lernen nach Unterrichtsfächern: https://bewegte-schule-und-kita.de/bereiche/bewegter-unterricht/bewegtes-lernen/

Arbeitsalltag

· Bewegung im Alltag wirkt: https://www.wig.or.at/fileadmin/user_upload/Service_Files/WiG_Broschuere_Bewegung_im_Alltag.pdf

· Plakat 12 Bewegungs-Tibeter: https://www.arbeiterkammer.at/service/broschueren/ArbeitnehmerInnenschutz/poster/12_Tibeter_-_Plakat.html

· Mit Übungen beweglich bleiben – mit Videos zum Mitmachen: https://www.tk.de/techniker/gesundheit-foerdern/sport-und-bewegung/basics/mobility-challenge-fuer-das-buero-2031568

Autorin: DIin Karin Schneeweiss, Forum Umweltbildung

Kontakt: karin.schneeweiss@umweltbildung.at