Energiecamp Murau
© Energiecamp Murau

Ökotourismus: Kann denn Reisen Sünde sein?

In Zeiten von Klimawandel und Pandemiegefahren stellt sich die Frage, wie nachhaltigeres Reisen, das gut für Mensch und Umwelt ist, aussehen kann oder soll?  Kontroverse Fragen und Diskussionen sind dabei vorgeplant...

Kann denn Reisen Sünde sein?

… dieser Frage stellte sich auch das Energiecamp Murau. Und nein, es ging einmal nicht um Corona. Die Konferenz widmete sich dem „Tourismus im Zeitalter des Klimawandels“. Das 7. Energiecamp der Holzwelt Murau fand im Auftrag des Landes Steiermark. Das Energiecamp war als „Green Event“ nach den Richtlinien des Österreichischen Umweltzeichens organisiert und war Corona-bedingt als Hybrid Event vorwiegend online zugänglich. Wolfgang Eitner moderierte.

8 Prozent Beitrag zum Klimawandel

8 % der für die Klimakrise relevanten Treibhausgase kämen aus dem Sektor Tourismus, wurde mehrfach betont, auch von der ersten Vortragenden, Annemarie Lexer von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Lexer meinte zwar, dass durch Corona 6,3 weniger Treibhausgase im globalen Mittel im Jahr 2020 in die Atmosphäre gelangt wären, aber die Treibhausgase, die bereits dort sind, seien langlebig und würden weiterwirken. Auch starke Reduktionen würden so erst ganz langsam und in viel geringerem Ausmaß Wirkung zeigen. So zeigt sich der Tourismus als Verursacher, aber auch als Betroffener des Klimawandels.

Hanno Settele: Kostenwahrheit herstellen

Einer der Referent*innen war der Journalist Hanno Settele, der Gestalter der ORF-Dokumentation namens „Kann denn Reisen Sünde sein?“ (die im Rahmen der Konferenz ausgestrahlt wurde), deren Titel sich das Energiecamp geborgt hatte. Settele betonte zwar, dass jede/r Einzelne Verantwortung für das eigene Handeln trage, aber eine ständige Selbstgeiselung wäre kaum angebracht. Entscheidend sei die Herstellung von Kostenwahrheit, von Menschen, aber auch von Fracht. So sei das Passagieraufkommen am Flughafen Wien von Jänner 2020 auf Jänner 2021 um 90 % zurückgegangen, aber das Frachtaufkommen nur um 4 %.

Settele relativierte auch: Ein Beitrag von acht Prozent Treibhausgasausstoß sei nicht gravierend für die Bewegung von Milliarden Menschen; dennoch würden Politik, Wirtschaft und Einzelne Verantwortung tragen und müssten handeln. Vor allem Billigflüge, die nur durch die Subventionierung der billigen Tickets durch die Business Class möglich seien, dürften nicht wiederkehren und auch weder gefördert noch nachgefragt werden. Womit wir wieder beim Thema Kostenwahrheit wären.

Flughafen
© Umweltzeichen

Klimaforscher Schellnhuber: Wetter immer unberechenbarer

Besonders stolz zeigte sich das Energiecamp, den bekannten Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber als Referenten gewonnen zu haben. Schellnhuber war aus Berlin zugeschaltet und betonte, dass die Klimakrise die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts sei. Bedenklich für den Tourismus seien schon jetzt die extremen Wetterlagen. Das Wetter werde aufgrund des Treibhauseffekts immer unberechenbarer, man könne sich nicht mehr darauf verlassen. Angesichts vieler düsterer Prognosen (vor allem der Kippeffekte und des drohenden Verlusts von weiten Gebieten in der Nähe von Küsten) sei es zwar fast zynisch, von Tourismus zu sprechen, doch für diesen gäbe es auch gute Nachrichten: Plötzlich sei es denkbar, Radtourismus als Big Player zu sehen, auch der Wunsch nach Erholung und Natur statt Sensationen trete in den Vordergrund. Ja, es gäbe eine erhebliche Reduktion des Flugsektors (interessanterweise nicht des Sektors Bau), auch Kreuzfahrten hätten starke Einbußen und würden wohl kaum als maßgebliches Angebot zurückkommen.

15-Minuten-Siedlung und New European Bauhaus

Schellnhuber arbeitet derzeit an einem EU-Projekt, dem New European Bauhaus, das auch die sogenannte 15-Minuten-Siedlung umfasst. Innerhalb von 15 Minuten soll man vom Wohnort aus nicht nur alle relevanten Geschäfte erreichen können, sondern auch Grünes, Natur. „Das wird natürlich nicht für etwa Manila denkbar sein, aber für Orte innerhalb der EU schon“, betonte Schellnhuber. Er sei derzeit auch im Gespräch mit der deutschen Tourismuswirtschaft, darüber, welche Form von Tourismus glücklich mache und welche nicht. Schellnhuber sieht ein neues Narrativ und betont, junge Leute würden ernsthafte Nachhaltigkeit im Tourismus erwarten. Nachhaltigkeit sei also ein Wettbewerbsvorteil!

Größter Emittent Flugverkehr

Auch Dagmar Lund-Durlacher, Professorin am Zentrum für Nachhaltigen Tourismus (ZENAT) an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, sieht die derzeitige Form der Mobilität als den größten Emittenten im Tourismus an. 50 % der klimarelevanten Treibhausgase aus dem Tourismus kämen aus der An- und Abreise per Flug oder PKW. Das sei nicht nachhaltig. Die größten Baustellen im Tourismus seien der Trend zu Mehrfachurlauben, die kurze Aufenthaltsdauer, die oft große Distanz und nicht zuletzt die Billigflüge. Hier könne man politisch ansetzen, aber auch Firmen und jede/r Einzelne könne viel tun. Man könne etwa das gerade von den ÖBB geschaffene Angebot von Nachtzügen nützen. Betriebe könnten verstärkt auf Branchen-übergreifende regionale Netzwerke setzen. Lund-Durlacher präsentierte Handlungsoptionen auf nationaler wie regionaler Ebene sowie auf Ebene der Tourismusbetriebe sowie der Reisenden.

Wohin im Sommer 2021?

Florian Größwang von der Österreich Werbung (ÖW) wurde als „richtiger“ Touristiker angekündigt und stellte sich der Frage, wohin der Tourismus in Österreich nach der Krise strebe. „Tourismus ist ein Integrationsmotor“, betonte Größwang. Gefragt sei künftig ein stärkeres Lebensraummanagement sowie Resonanztourismus, der auf ernsthaften Austausch mit „Einheimischen“ setze.

Gössling: Weg von der reinen Wachstumsorientierung

Stefan Gössling lehrt als Tourismusforscher an der Universität Lund und sprach über fünf Maßnahmen für Klimaschutz im Tourismus. Seiner Ansicht nach ist eines der Probleme, dass global immer nur nach Volumensteigerung – also quantitativem Wachstum - im Tourismus gefragt werde. Das müsse anders werden. Auch Volumentreiber wie Airbnb und die „Sozialen Medien“ seien große Probleme, ebenso wie die ständig zurückgehende Aufenthaltsdauer sowie der Abzug von großen Geldmengen aus den Tourismusregionen durch Buchungsplattformen. Gössling plädierte für ein Weg von der reinen Wachstumsorientierung, eine andere Kommunikation über Reisen, regionale Netzwerke sowie die Selbstverständlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen, wie die Installation von Photovoltaik auf Hoteldächern.

Nach einer spannenden Diskussionsrunde und ebensolchen Beiträgen u.a. von der ÖHV-Präsidentin und Umweltzeichen- Hoteliere Michaela Reitterer, von Stephan Maurer, dem Geschäftsführer der Bischofshofener Mobilitätszentrale Mobilito, von Robert Wimmer, Projektleiter von „Zero Carbon Resorts for Sustainable Tourism“ an der TU Wien sowie Maria Theresia Wilhelm, der Geschäftsführerin von ARGE Murau Tourismus beendete Ingmar Höberth, der Leiter des Klima- und Energiefonds Österreich, die Konferenz mit brandaktuellen Nachrichten: Gleich zwei österreichische Regionen hätten mit ihren Ideen zur Neuausrichtung des regionalen Tourismus jeweils 1 Million Euro gewonnen. Es seien dies die Karnische Region mit dem Lesachtal sowie die Region Zell am See-Kaprun. Beides Regionen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Anzahl der nachhaltigen Beherbergungsbetriebe mit dem Österreichischen Umweltzeichen deutlich zu erhöhen.

Ein Tipp: Unter https://energiecamp.at kann man die Videos der Konferenz im Detail nachhören.

Autorin: Karin Chladek