WPG- Modellfiguren

John Hunter: mit dem World Peace Game soziale Kompetenz fördern

Alle Probleme sind gelöst und alle Budgets gewachsen: Das World Peace Game ist gewonnen! verkünden die UNO-Generalsekretärin, die Wettergöttin und die Flüchtlingssprecherin. Die Klasse hat es gemeinsam geschafft! Was für ein Erfolg nach einer Woche harter, intensiver und interaktiver Arbeit. Was für eine Erfahrung!

 

Es ist Freitag, der 1. Februar 2019, 9.35 Uhr. Die Stimmung im Klassenraum ist höchst gespannt. 24 SchülerInnen der 3D-Klasse des Bundesgymnasiums und Bundesrealgymnasiums Boerhaavegasse in Wien 3 haben eine Woche lang das World Peace Game „gespielt” und 50 globale Krisen (Probleme) gelöst. Globale Krisen wie Erderwärmung, Cyber-Hacking, ethnische Säuberung, Minderheiten-Probleme, Luftraumkonflikte, Erdölembargos, Weltraumkonflikte, chemische Verschmutzung eines Flusses in der Nähe von landwirtschaftlichen Nutzflächen, Landrechtsdispute, Beseitigung eines Ölteppichs, gefährdete Tierarten, um nur einige wenige davon zu nennen. Außerdem mussten sie als regierende MinisterInnen und BundeskanzlerInnen das Staatsbudget ihrer fiktiven, selbst benannten Länder vergrößern. Die Weltbank, die UNO, WaffenhändlerInnen und auch Wettergötter spielten eine genauso wichtige Rolle im World Peace Game. Alle Probleme sind gelöst und alle Budgets gewachsen:Das World Peace Game ist gewonnen!”

Das World Peace Game wurde vor ca. 40 Jahren vom US-Pädagogen John Hunter erfunden und im Laufe der Jahre weiterentwickelt. John Hunter hat mittlerweile hunderte von Pädagogen weltweit ausgebildet, das Spiel anzuleiten. 2010 wurde man in Europa durch einen Film darauf aufmerksam, 2014 hielt John Hunter seine erste World Peace Game-Masterclass in Österreich.

Das Spiel birgt ein enormes Lernpotential. Die TeilnehmerInnen lernen vernetztes Denken, komplexeste Probleme zu verstehen, Informationen zu filtern, Verantwortung zu übernehmen, Kompromisse zu schließen, Konsequenzen und Handlungen vorauszudenken, freies Denken, Aussagen in Frage zu stellen und erkennen, dass es keinen Verlierer geben muss, wenn man gewinnt.

Die Schüler üben beim Spielen:

• Mitgefühl und Empathie

• Teamarbeit

• Zuhören und Aufeinandereingehen

Beim Spielen wird …

… die Kreativität entfaltet und genutzt, das Gemeinschaftsgefühlt gestärkt und ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass man als Gemeinschaft stärker und erfolgreicher sein kann.

… den Schülerinnen und Schülern ermöglicht zu erleben, was eine gute Führungspersönlichkeit und einen wirklich guten Verhandlungspartner ausmacht.

.... die jungen Menschen erkennen, dass alles was gekauft wird sich nicht nur auf Umwelt und Budget auswirkt, sondern auch auf Krisen. Durch soziales Miteinander wird das Umweltbewusstsein gestärkt und komplexeste Zusammenhänge besser verstanden.

Werfen wir einen Blick auf das Spielbrett.In der Mitte des Raumes befindet sich ein dreidimensionaler Spieltisch mit vier durchsichtigen Ebenen. Sie stellen dar, was sich unter der Erde befindet, was auf der Erde, zudem den Luftraum und Weltraum. Auf dem Spielbrett sind mit sehr kleinen Figuren und Spielteilen die Ausstattung und Gegebenheiten der verschiedenen Länder dargestellt und alle Krisen ebenso.

Spieltisch
© Schneider

Die SchülerInnen haben sich diese Spielwelt nahezu zur Gänze selbst erschaffen. Frau Direktorin Eder-Lindinger des Gymnasiums Boerhaavegasse bemüht sich darum, dass möglichst alle Klassen einmal dieses Projekt machen können. Der Elternverein hat durch finanzielle Unterstützung den Ankauf des Spielbrettes und diverser Materialien ermöglicht, und mehrere LehrerInnen und SchülerInnen haben in BE-und Werkstunden und in Kreativstunden verschiedene der Teile, die auf dem Spielbrett aufgebaut sind, gebastelt und kreiert.

Auch das Ende des Schultages stellte keine Hürde bei dieser harten Arbeit dar, denn einige SchülerInnen und ihre Eltern und Spieleleiterin Tietz haben auch privat an der Spielwelt gebastelt. Etwa sechs Monate lang dauerte der Prozess, bis die Schule ihr eigenes Spielbrett und ihre eigenen Spielteile hatte. Solarkraftwerke, Ölfördertürme, Ölraffinerien, Wasserkraftwerke, Bäume, Seen, verschiedenste Schiffe, verschiedenste Flugzeuge, ein Vulkan, Wasserstoffbrennstoffzelltechnologie, ein Korallenriff, eine Helikopterangriffsbasis, Raumschiffe, Satelliten, und hunderte Teile mehr sind dadurch auf dem Spielbrett vorzufinden. Sie alle tragen zur Verdeutlichung unserer komplexen Welt auf dem Spielbrett bei.

Im Zusammenhang mit dem World Peace Game ging es dann für die ganze Klasse in die UNO-City. „Mein Highlight dieser World Peace Game-Woche war unser Besuch in der UNO. Unsere Klasse hat an einer interaktiven Führung teilgenommen. Wir haben sehr viele neue Sachen und Begriffe gelernt. Das Gebäude, in dem wir uns befanden, hat mir sehr gut gefallen. Ich habe aber nicht nur viel in der UNO gelernt, sondern auch in der ganzen Spielwoche“,schrieb Matthias aus der 3D in den Feedbacks.

Am Freitag fand sowohl die schriftliche als auch die mündliche Feedbackphase aus. In geheimer Wahl vergeben alle SchülerInnen Nominierungen an ihre KlassenkollegInnen für den Friedenspreis, den Menschenrechtspreis und den Preis für den/die vielseitigste/n Spieler/in in ihrem World Peace Game.

Bei der abschließenden Präsentation vor Eltern und LehrerInnen, wird das World Peace Game – inklusive der zu bewältigenden Krisen - vorgestellt und erklärt. Die SchülerInnen stehen einzeln auf und präsentieren sich in ihren Funktionen als BundeskanzlerInnen/MinisterInnen/.... Die Art und Weise (Sicherheit, Selbstbewusstsein, …), wie sie das tun, lässt die Anwesenden darauf schließen, dass die SchülerInnen sich in ihren Rollen gefunden haben und sich mit den Positionen identifizieren. Die Schüler und Schülerinnen haben durch dieses Spiel ihre Fähigkeiten und Talente noch besser kennen gelernt. Offensichtlich tut es den jungen Menschen gut, eingebettet in eine Gemeinschaft Herausforderungen meistern zu dürfen, über sich hinauswachsen zu können, ihre eigenen Fähigkeiten und Talente noch besser kennenzulernen, vielleicht neue Strategien für die Lösung eigener Schwächen zu entwickeln und nicht von den Problemen dieser Welt ferngehalten zu werden. Schließlich muss diese Generation später ja mit den Problemen (Krisen), die wir und die Generation vor uns hinterlassen haben, zurechtkommen. Am Ende der Präsentation wird allen SchülerInnen durch Frau Direktorin Eder-Lindinger eine Teilnahmebestätigung überreicht, drei Schülerinnen noch zusätzlich eine Urkunde für einen Sonderpreis.

Deshalb beeindrucken John Hunters Worte am Anfang jedes Spieles: „Es tut mir leid, dass ich euch die Erde, so wie sie nun hier vor euch auf dem Spielbrett dargestellt ist, übergeben muss, weil meine Generation und die Generationen davor es nicht geschafft haben, die globalen Krisen zu lösen. Trotzdem bin ich sicher, dass ihr es in dieser Woche schaffen werdet.”

Mehrere Aspekte bewirken, dass die SchülerInnen, die mindestens neun Jahre und maximal 17 Jahre alt sein müssen, um das World Peace Game spielen zu können und intellektuellen Herausforderungen standhalten können müssen, dies auch schaffen. Jede Altersgruppe hat ihre Vorteile. Aber es hat sich gezeigt, dass jüngere Kinder noch sehr offen und lösungsorientiert sind und unglaublich kreative Lösungen finden, die auch tatsächlich funktionieren. „Mein Highlight beim World Peace Game war, als ich (Waffenhändlerin und Militärkommandantin) ein Raumschiff für Debrador (Land B) gebaut habe, damit zwei Satelliten, die bei einem schwarzen Loch festsaßen, gerettet werden konnten. Für mich war das ein toller Moment, weil ich bei der Lösung einer Krise mithelfen konnte. Dabei habe ich erkannt, dass ein Waffenhändler nicht unbedingt Waffen, sondern auch andere Sachen verkaufen kann“, schrieb Jessica in den Feedbacks. Dieses Denken außerhalb der „Box“, das die Schülerin hier reflektiert, hat schlussendlich zur Lösung

Weitere Informationen finden Sie auf der Schulhomepage unter: https://www.boerhaavegasse.at/das-world-peace-game/

Dieser Bericht wurde von Julia Tietz, Sozialpädagogin mit langjähriger Berufserfahrung, unabhängige und fortgeschrittene World Peace Game-Spieleleiterin und ausgebildete Individuelle Lernbegleiterin, verfasst. Ihr Wunsch: “Hoffentlich können möglichst viele Kinder auf dieser Welt wenigstens einmal das World Peace Game -Spiel machen. Ich werde mein Möglichstes dazu beitragen.”