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Tourismus: Zuviel des Guten?

Overtourism ist ein Schlagwort, das derzeit oft gehört wird. Es bezeichnet ein Problem, das es schon länger gibt, das aber immer gravierender zu werden scheint: Zu viele Touristen zur selben Zeit am selben Ort. Das sorgt für ökologische und soziale Probleme, etwa ein ständiges Verkehrschaos durch Busse oder Autos, oder auch steigende Mieten durch zu viele Ferienwohnungen.
Früher machte „Overtourism“ vorrangig durch die starke Umweltbelastung Schlagzeilen, inzwischen wirkt er sich auch spürbar negativ direkt auf die menschlichen Bewohner vor allem von touristisch gefragten Städten aus. Mieten steigen etwa in Barcelona oder Berlin-Kreuzberg durch die häufige Vermietung von Wohnungen als Ferienappartements auf diversen Plattformen. Ehemals günstige Stadtviertel werden so für die Bewohnerinnen und Bewohner der Städte zu teuer. Wer mehr darüber wissen möchte, kann hier nachlesen.
Venedig und Dubrovnik sind von Overtourism gezeichnet. Seit ein paar Jahren haben sie auch spezielle Probleme, Stichwort Kreuzfahrtschiffe.
Dass die Zahl der Reisenden steigt, ist keine Einbildung: Dem World Travel Monitor nach wurden im vergangenen Jahr weltweit rund 1,15 Milliarden Auslandsreisen gezählt, ein Plus von 6,5 Prozent beziehungsweise 81 Millionen Reisen im Vergleich zu 2016.

Overtourism in Österreich
Auch hierzulande ist das Phänomen Overtourism z.B. von Wien-Schönbrunn, Salzburg oder auch Hallstatt bekannt. Was für Lösungen gibt es? Wenn es sich um touristische Highlights wie Schönbrunn oder auch um Museen handelt, bieten sich folgende Maßnahmen an: eine Kontingentierung der Eintrittskarten, eine zeitliche Entzerrung sowie gleichzeitig Werbung für andere Destinationen, mit denen man kooperiert.

Michelle Knoll, die Leiterin des Tourismusbüros in Hallstatt, setzt auf die Verteilung der Gäste, aber auch auf gezielte Werbung und Begrenzungen: Laut Knoll steige die Nächtigungsdauer, die Gäste verteilten sich auf die vier Orte in der Region. „Bei unseren Märkten speziell im asiatischen Raum wird Hallstatt hauptsächlich mit dem Wintersujet beworben, um die Touristenströme zu lenken. Weiters wird im Moment seitens der Gemeinde Hallstatt an einem neuen Verkehrskonzept gearbeitet, bei dem es unter anderem Begrenzungen z.B. bei Reisebussen geben soll.“

Walter Straßer von Wien Tourismus: „Wir haben in Wien die komfortable Situation, dass die Infrastruktur von Otto Wagner für eine Stadtbevölkerung von vier Millionen gebaut wurde, derzeit hat Wien aber nur zwei Millionen Einwohner.“  Da sei also noch Platz nach oben. Man versuche aber, den Gästen in der Innenstadt zu vermitteln, dass es auch außerhalb des Wiener Zentrums viel Schönes zu sehen gebe. Seit 2017 gebe es eine mobile Vertretung des Wien Tourismus, die per Lastenrad in der Innenstadt unterwegs sei und die Touristen dort informiere, was in Wien außerhalb des Zentrums sonst noch zu sehen sei. Seit einem Jahr gibt es laut Straßer auch die Abteilung „Destination Management“. „Wir befragen regelmäßig die Wiener Bevölkerung, wie sie dem Tourismus in der Stadt gegenübersteht. 2017 sagten 96 % der Befragten, sie könnten mit dem Tourismus hier noch gut auskommen.“ Der Wien Tourismus setzt also auf Monitoring der Stimmung in der Bevölkerung, um rechtzeitig verhindern zu können, dass diese kippe. Es sei noch Luft nach oben: Im letzten Jahr hätten 15,5 Millionen Nächtigungen in Wien stattgefunden, anstreben würde Wien Tourismus 18 Millionen.
Overtourism© Österreichisches Umweltzeichen

Gregor Kadanka als Geschäftsführer eines Unternehmens (Mondial), das als Umweltzeichen- Reiseveranstalter auf nachhaltige Entwicklung setzt:
„Entzerrung“ ist sicher ein Thema und wir bemühen uns hier mit Angeboten "off the beaten track" sowohl mit neuen kreativen Angeboten in den Städten außerhalb der touristischen Zentren, als auch mit ausgefalleneren Angeboten in ganz Österreich wie z. B. in kleineren Städten oder auf einer abgeschiedenen Hütte in den Bergen. Hierbei bieten die Hütten die beste Alternative, da sie abseits der sogenannten „touristischer Trampelpfade“ liegen und somit Touristen einen Seltenheitswert bieten, da sie mit Authentizität, Unberührtheit und Abgeschiedenheit punkten.“ Mondial bietet sogar zertifizierte grüne Reiseangebote an, die mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet sind.

Eine andere Möglichkeit bietet Oberösterreich Touristik mit ausgezeichneten Rad- und Wanderreisen durch Österreich, wo man abseits der Autokolonnen mit Rad oder zu Fuß authentische Eindrücke von Land und Leuten gewinnen kann.

Wer noch einen Schritt weiter gehen will kann auch eine geführte Pilgerreise versuchen, wie sie Mostviertel- Tourismus entlang des malerischen Pielachtals bis nach Mariazell anbietet.

Aber es muss nicht immer Österreich sein. Auch der Mittelmeerraum kann abseits der Trampelpfade mit verantwortungsbewussten Reiseveranstaltern besucht werden. Retter Reisen bietet zB Reisen auf die Inseln Losinj oder an der Lago Maggiore an, wenn es einmal etwas Mediterranes im Urlaub sein soll.



Andere Orte kennen lernen
„Mir fällt ein, dass Wien-Schönbrunn verstärkt für Schloss Hof in Niederösterreich wirbt, und damit einen Teil der Gäste durchaus anspricht. Diese kannten Schloss Hof und seinen prächtigen Garten vorher gar nicht und sind froh, die Anlage ohne großes Gedränge kennen zu lernen“, so Cornelia Kühhas von NFI.

Nachtführungen
Das Ziel all dieser Maßnahmen: verhindern, dass sich zu viele Menschen gleichzeitig an einem Ort drängen. Besonders die zeitliche Entzerrung etwa durch längere Öffnungszeiten oder das Angebot von Nachtführungen wird gern angenommen, weil insbesondere Nachtführungen von Besucher*innen oft als etwas Besonderes empfunden werden.

Tourismusplanung und Besucherlenkung
Was aber macht man, wenn sich zu viele Gäste in einer ganzen Stadt oder einem Stadtteil drängen, ohne ein konkretes touristisches Must-See, eine bestimmte Sehenswürdigkeit, anzustreben? Die Tourismuswissenschaftlerin Dagmar Lund-Durlacher von Modul University in Wien meint dazu: „Meiner Meinung nach ist Tourismusplanung das Wesentliche, denn nur so kann man die Überlastung in den Griff bekommen und entzerren.“ Für eine Planung bzw. Besucherlenkung ist zuerst eine Zählung nötig, damit man weiß, was man überhaupt planen bzw. lenken soll. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es scheint, denn z.B. Venedig publiziert keine offiziellen Zahlen der Tagestourist*innen, die für den Großteil der Belastung sorgen, meist ohne der Stadt finanziellen Gewinn zu bringen. Denn was kauft man in den wenigen Stunden vor Ort? Meist nicht viel mehr als ein Eis oder einen anderen Snack.

Im Sinne des Österreichischen Umweltzeichens ist eine ausgewogene Verteilung der Gäste. Nicht zu viel des Guten, in dem Fall der Gäste, aber eben auch nicht zu wenig. Destinationen, die auf Nachhaltigkeit setzen, haben üblicherweise wenig Probleme mit Overtourism, denn sie haben sich meist schon bei der Planung z. B. über das Management des Verkehrs Gedanken gemacht.

Haus Sonnbichl© Preslmair